Der Biancograt auf den Schweizer Piz Bernina zählt zu den großen Hochtourenklassikern der Alpen und stand schon lange auf unserer Liste. Von 16. bis 19. Juli 2019 haben wir uns diesen Traum mit der anschließenden Piz Palü Überschreitung endlich erfüllt.

  • Ausgangspunkt: Diavolezza Seilbahn
  • Tourdaten: 2.741 hm | 26,1 km
  • Höchster Punkte: 4.049 Meter
  • Schwierigkeit: Schwere Hochtour
  • Datum der Tour: 17.07.2019

Obwohl wir konditionell nicht schlecht drauf sind und bereits einiges an Hochtourenerfahrung gesammelt haben, hatten wir ordentlich Respekt vor der Besteigung des Piz Berninas über den Biancograt. Sind wir fit genug? Bringen wir die technischen und mentalen Voraussetzungen mit? Die Überschreitung wird nicht umsonst als „schwere ausgesetzte Tour für konditionsstarke, erfahrene Alpinisten“ beschrieben. Immerhin gilt es, 1.650 Höhenmeter in abwechslungsreichem Gelände (IV-, 50°, AD+) zu überwinden.

Zustieg zur Tschiervahütte – Tag 1

Nachdem Andi und ich uns mit Stefan von Berggfühl (unserem Bergführer des Vertrauens) bei der Talstation der Diavolezza Seilbahn in der Schweiz getroffen hatten, ging es mit dem Zug nach Pontresina. Auf der gut 20-minütigen Fahrt konnten wir einen ersten Blick auf die Bernina Gruppe und den Biancograt erhaschen.

Der Anblick löste in uns gleichzeitig Vorfreude und die Frage „Warum machen wir das nochmal?“ aus. Wenn man die 2.000 Meter zu dem Firngrat hochblickt, wirkt der Gedanke, dass man sich dort in nicht einmal 24 Stunden hochkämpfen wird, beinahe absurd. Angekommen in Pontresina, ging es aber erstmals mit der Pferdekutsche durchs Val Roseg bis zum Hotel Roseg, wo der eigentliche Zustieg zur Tschiervahütte beginnt. Das Postkartenpanorama mit den beeindruckenden Gletscherbrüchen ließ die gut 600 Höhenmeter aber wie im Flug vergehen.

Bergsteiger mit dem Tschiervagletscher im Hintergrund

Nach einem gemütlichen Abendessen mit Besprechung der anstehenden Tour hieß es früh ins Bett gehen – schließlich sollte uns der Wecker am nächsten Tag um 03:00 aus dem Hüttenschlafsack läuten.

Piz Bernina über Biancograt – Tag 2

Nach dem Frühstück starteten wir mit Stirnlampe ausgerüstet gegen 03:45 Uhr in die Dunkelheit. Insgesamt waren mit uns nur neun Leute Richtung Gipfel des Piz Berninas unterwegs. Auf eine genaue Wegbeschreibung möchte ich an dieser Stelle verzichten, die Tour wird auf vielen anderen Portalen (z. B. hier und hier) gut beschrieben. Ich möchte eher unsere persönlichen Erfahrungen mit euch teilen.

Je höher wir kamen und umso länger wir unterwegs waren, desto besser konnte ich die oben zitierten Beschreibungen nachvollziehen. Der Anstieg geht von Anfang an steil los und forderte unsere Kondition ab den ersten Metern. Zuerst noch über wegloses Gelände und steile Gletscheraufschwünge, dann über klettersteigähnliche Passagen, erreichten wir die Scharte, ab der es dann so richtig losgeht. Von hier an waren volle Konzentration, absolute Schwindelfreiheit und Trittsicherheit gefordert. Über Kletterpassagen (bis III) und eine ausgesetzte Querung kamen wir schließlich zur Haifischflosse, den Beginn des Biancograts, wo wir eine erste längere Pause einlegten.

Bergsteiger am Biancograt

Beim Blick den beeindruckenden Firngrat hoch, weiß man nicht genau, ob man sich freuen, vor der Ausgesetztheit und anstehenden Anstrengung fürchten oder beides soll. Spoiler: eindeutig ersteres! Natürlich muss man trittsicher und vorsichtig sein, aber die atemberaubenden Aus- und Tiefblicke ließen uns die Anstrengung und meinen manchmal etwas zu gesunden Respekt vor der Höhe sofort vergessen. Ich weiß gar nicht mehr, wie lange wir am Grat unterwegs waren, aber ich kann nur sagen, dass der Anstieg einer der schönsten alpinistischen Erlebnisse war, die ich bis jetzt machen durfte.

Trotzdem waren wir froh, als wir gegen 10:00 Uhr am Vorgipfel, dem Piz Bianco, standen, denn der bis zu 50 Grad steile Biancograt hat uns konditionell wirklich einiges abverlangt. Außerdem waren wir noch lange nicht am Ziel. Schließlich galt es noch den felsigen Gipfelgrat auf den Bernina zu überwinden, was noch einmal rund zwei Stunden Kletterei (bis IV-) bedeutete.

Aussicht auf das umliegende Bergpanorama vom Gipfel des Piz Bernina

Um 12:00 war es dann aber soweit und wir standen als erste Seilschaft des Tages auf dem 4.049 Meter hohen Piz Bernina. Dank der großartigen Arbeit von Stefan konnten wir eine halbe Stunde komplett alleine die herrliche Aussicht vom einzigen 4.000er der Ostalpen genießen.

Beim Abstieg durch das blockige Gelände war noch einmal volle Konzentration gefordert. Immer noch relativ ausgesetzt geht es hier mit einigen Abseilstellen teilweise den Grat entlang, bis man schließlich am Gletscher ankommt, über den man gemütlich zur Marco e Rosa Hütte spaziert. Nach knappen 10:30 Stunden erreichten wir dann um 14:15 ziemlich fertig aber glücklich die höchste Schutzhütte der Ostalpen, wo wir uns erstmal ein gemütliches Bier genehmigten.

Überschreitung Piz Palü – Tag 3

Am dritten Tag nutzten wir die Gelegenheit, den Piz Palü zu überschreiten, um wieder zur Diavolezza Seilbahn zu gelangen, die uns zum Ausgangspunkt zurückbringen sollte. Leider hatten wir mit dem Wetter nicht mehr so viel Glück wie am Vortag (darum gibt es auch wenig Fotos). Trotzdem war die Tour über die Bellavista, den Spinat Grat und die drei Gipfel des Palüs eine herrliche Hochtour, die wir voll und ganz genießen konnten.

Lediglich der gefühlt nicht enden wollende Abstieg und Hatscher zur Bergstation der Diavolezza verlangten uns ein letztes Mal mentale Stärke ab. Dafür riss auf den letzten Metern der Himmel auf und wir wurden bei der Ankunft auf der Bergstation mit einem herrlichen Blick auf die Bernina Gruppe belohnt, wo wir noch einmal die komplette Tour der letzten Tage mit einen Blick Revue passieren lassen konnten. Einfach nur beeindruckend!

Bergsteiger am Abstieg vom Piz Palü

Fazit: Piz Bernina über Biancograt und Piz Palü

Die drei Tage waren zweifelsohne eine Hochtour der Superlative. Ja, man muss einiges an Erfahrung mitbringen. Ja, ab der Scharte ist die Tour ziemlich ausgesetzt und ja, ich denke, man muss konditionell wirklich gut drauf sein, um auch noch Spaß an der Sache zu haben. Andi und mich, die das Bergsteigen als ambitioniertes Hobby betreiben, hat die Tour definitiv gefordert – konditionell und stellenweise auch mental. Ohne Bergführer würden wir uns den Bernina über den Biancograt wahrscheinlich (noch) nicht zutrauen und auf keinen Fall in dieser Zeit schaffen. Die Wegfindung ist oft – vor allem beim Abstieg vom Piz Bernina – nicht einfach.

Panorama vom Piz Palü und dem umliegenden Bergland

Nichtsdestotrotz ist die Hochtourenrunde ein Erlebnis der Extraklasse und zählt nicht umsonst zu den ganz großen Klassikern der Alpen. Danke noch mal an Stefan für die großartige Führungsarbeit und diese unvergessliche Tour!

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