Was Barfußschuhe beim Wandern können – und wo klassische Bergschuhe nach wie vor ihre Berechtigung haben. Denn Barfußschuhe polarisieren. Während die einen auf dicke Sohlen, maximale Dämpfung und möglichst viel Stabilität schwören, setzen andere auf möglichst wenig Schuh und ein natürliches Laufgefühl. Die Wahrheit liegt – wie so oft – irgendwo dazwischen.
Auf das Thema Barfußschuhe sind wir gar nicht durchs Wandern gekommen, sondern durch unsere mittlerweile zweieinhalbjährige Tochter. Gerade bei kleinen, wachsenden Kinderfüßen wollten wir nichts dem Zufall überlassen. Schließlich sollen sich Füße möglichst natürlich entwickeln können und nicht von Anfang an in eine Form gezwängt werden, die ihnen vielleicht gar nicht entspricht. Mittlerweile tragen bei uns fast alle in der Familie regelmäßig Barfußschuhe – im Alltag genauso wie auf manchen Wanderungen.
Aber: Natürlich ersetzt ein Barfußschuh nicht jeden Bergschuh. Aber er hat unseren Blick darauf verändert, was ein Schuh eigentlich machen soll.
Offenlegung: Vivobarefoot hat uns die Schuhe zum Testen zur Verfügung gestellt. Auf den Inhalt dieses Beitrags hatte das keinen Einfluss.
Ein ungewohntes Gefühl
Wer zum ersten Mal Barfußschuhe anzieht, merkt meist schon nach wenigen Schritten, dass da etwas anders ist. Sie besitzen dünne, flexible Sohlen, eine breite Zehenbox und verzichten üblicherweise auf die Sprengung zwischen Ferse und Vorfuß. Ziel ist es, den Fuß möglichst natürlich arbeiten zu lassen.
Durch die dünne Sohle nimmt man kleine Steine, Wurzeln oder den Waldboden viel bewusster wahr. Das Gehen fühlt sich direkter an und man hat das Gefühl, dass ganz andere Bereiche im Fuß arbeiten als bisher. Bei mir war das beim ersten Mal sogar so deutlich, dass ich nach dem ersten längeren Spaziergang einen leichten Muskelkater in den Füßen hatte. Das zeigt, dass plötzlich Muskeln gefordert werden, die jahrelang kaum arbeiten mussten.
Genau deshalb sollte man seinem Körper Zeit geben und den Umstieg langsam angehen.
Stärkere Füße durch weniger Unterstützung?
Dass unsere Füße erstaunlich anpassungsfähig sind, zeigt auch eine wissenschaftliche Studie der University of Liverpool. Die Forschenden untersuchten Personen, die über einen Zeitraum von sechs Monaten regelmäßig Minimalschuhe, also Barfußschuhe, trugen. Das Ergebnis: Die Fußkraft nahm durchschnittlich um rund 57 Prozent zu.
Die Studie deutet darauf hin, dass unsere Füße wieder kräftiger werden können, wenn sie mehr Eigenarbeit leisten müssen – sie ist aber kein Beweis dafür, dass Barfußschuhe grundsätzlich für jeden Menschen oder jede Situation die beste Wahl sind.
Weniger Schuh = besser?
Gerade in der Outdoor-Welt wird oft diskutiert, welches Schuhkonzept das richtige ist. Eine pauschale Antwort gibt es meiner Meinung nach nicht.
Auf der Straße trage ich meine Barfußschuhe, die Gobi Sneaker von Vivobarefoot, extrem gerne weil sie unglaublich angenehm für meinen Fuß sind. Auf einfachen Wanderwegen, Waldpfaden oder leichten Bergtouren macht das geringe Gewicht von Barfußschuhen auch einfach Spaß. Geht es hingegen mit schwerem Rucksack über Stock und Stein, auf lange Geröllfelder, oder in hochalpines Gelände haben klassische Bergschuhe nach wie vor ihre Berechtigung. Mehr Schutz, dickere Sohlen oder natürlich auch sowas wie die Möglichkeit, Steigeisen zu befestigen sind dort Eigenschaften, die ein Barfußschuh schlicht nicht bieten kann. Ich persönlich brauche vor allem auch eine gute Dämpfung, weil ich ziemlich schnell Knieschmerzen bekomme.
Entscheidend ist also nicht die Frage, welcher Schuh grundsätzlich besser ist, sondern welcher Schuh zur jeweiligen Tour passt.
Langsam umsteigen lohnt sich
Wer jahrelang ausschließlich stark gedämpfte Schuhe getragen hat, sollte seinem Körper ausreichend Zeit geben. Muskeln, Sehnen und Bänder müssen sich erst wieder an die neue Belastung gewöhnen. Deshalb empfiehlt es sich, Barfußschuhe erst einmal im Alltag oder auf kurzen Spaziergängen zu tragen. Erst wenn sich Füße und Unterschenkel daran gewöhnt haben, sollten längere Wanderungen folgen.
Fazit
Sind Barfußschuhe die Zukunft des Wanderns? Ich glaube nicht, zumindest nicht immer und auf jeder Tour. Aber sind sie für viele Wanderer eine spannende Alternative? Definitiv.
Für uns haben sie mittlerweile einen festen Platz im Alltag und auf einfachen Wanderungen gefunden. Eben nicht, weil sie andere Schuhe ersetzen, sondern weil sie den Füßen wieder mehr von jener Arbeit zurückgeben, für die sie eigentlich gemacht sind. Und mal ehrlich, wer trägt auf einem Wanderurlaub gerne an mehrere Touren hintereinander denselben Schuh? Ich freue mich, nach einem Tag in den festeren Wanderschuhen dann auf der nächsten leichten Tour in einen sanfteren Barfußschuh zu schlüpfen.
Wer den Umstieg langsam angeht und offen für ein völlig neues Laufgefühl ist, könnte überrascht sein, wie viel Potenzial in den eigenen Füßen steckt.
