Direkt neben dem berühmten Watzmann steht ein Berg, der viel zu oft in dessen Schatten verschwindet: der Hochkalter. Mit 2.607 Metern ist er zwar ein bisschen niedriger als sein prominenter Nachbar, verstecken muss er sich aber ganz sicher nicht. Im Gegenteil: Er ist wild, fordernd, landschaftlich gewaltig und herrlich alpin.
Toureninfos
- Lage: Deutschland / Bayern / Berchtesgadener Alpen
- Ausgangspunkt: Parkplatz Seeklause
- Höhenmeter & Distanz: 1.895 hm | 18 km
- Höchster Punkt: 2.607 Meter
- Schwierigkeit gemäß SAC-Wanderskala: Schwierige Alpinwanderung (T6) mit Kletterstellen bis UIAA II
- Schlüsselstelle: eine 12 Meter hohe, relativ senkrechte Wand (UIAA II)
- Gemacht im: Juni 2026
- Link zum Selberplanen: alpenvereinaktiv
Tourenbeschreibung Hochkalter-Überschreitung
Wer die Watzmann-Überschreitung mag, wird den Hochkalter lieben. Er ist nämlich so etwas wie der wilde kleine Bruder des Watzmanns: unbekannter und niedriger, dafür weniger überlaufen und bergsteigerisch etwas anspruchsvoller. Es gibt keine Stahlseile, immer wieder müssen ungesicherte Kletterstellen bis UIAA II überwunden werden.
Wenn wir schon bei Vergleichen sind: Mir persönlich hat die Hochkalter-Überschreitung mindestens so gut gefallen wie der Watzmann. Vielleicht sogar ein Stück besser. Nicht, weil der Berg objektiv „besser“ wäre, sondern weil hier so viel weniger los ist. Dadurch fühlt sich das Gesamterlebnis ursprünglicher, einsamer und alpiner an.
Aufstieg zur Blaueishütte
Ausgangspunkt der Tour ist der Parkplatz Seeklause (800 m). Von hier folgt man dem Zustieg Richtung Schärtenalm (1.359 m) und weiter zur Blaueishütte (1.650 m). Der Weg – zunächst eine schmale Schotterstraße, danach ein gut angelegter Steig mit vielen Stufen – ist technisch einfach. Wer auf die Schärtenalm verzichten kann, kann auf 1.250 Meter über einen unscheinbaren Steig durch den Wald etwas abkürzen.
Eine Nacht auf der Blaueishütte war für mich Pflicht. Natürlich kann man die Überschreitung auch als sehr lange Tagestour angehen, entspannter ist sie aber mit einer Übernachtung. Allein die Stimmung dort oben rechtfertigt den zusätzlichen Tag: Am Abend, wenn langsam Ruhe ins Kar einkehrt und der Mond über dem Hochkalter aufgeht, wirkt das Fleckchen beinahe magisch. Und am nächsten Morgen, wenn die Felsen rötlich zu leuchten beginnen, startet man mit genau der richtigen Mischung aus Vorfreude und Respekt in den Tag.
Von der Blaueishütte zum Schönen Fleck
Hinter der Blaueishütte beginnt der ernste Teil der Tour. Zunächst führt der Weg durch das Blaueiskar zu den Mauerresten der alten Blaueishütte (1.751 m). Die Landschaft wird schroffer, felsiger und alpiner. Zwischen Rotpalfen und Wasserwandkopf steigt man durch eine steile Schuttrinne auf, bevor die erste Kletterstelle wartet. Über gutgriffige Platten (UIAA I) geht es hinauf zum Schönen Fleck, einer breiten Gratschulter auf rund 2.000 Metern.
Spätestens hier merkt man: Das ist keine einfache Wanderung mehr. Wer sich bis hierher schon unwohl fühlt, sollte umkehren. Denn ab dem Schönen Fleck wird die Tour zusehends anspruchsvoller.
Am Grat und über den Kleinkalter zum Gipfel
Anfangs ist der Grat noch breit und einfaches Gehgelände. Man bewegt sich über Schrofen, Blöcke und gestufte Passagen, immer wieder mit fantastischen Tiefblicken in das Kar und auf den Blaueisgletscher. Nach und nach verschmälert sich der Grat. Das Gelände wird luftiger, die Hände kommen öfter zum Einsatz und die Route verlangt zunehmend Konzentration.
Die schwierigsten Kletterstellen erreichen den II. Schwierigkeitsgrad – die Schlüsselstelle ist eine rund 12 Meter hohe, relativ senkrechte Wand. Der Fels ist meist gutgriffig, trotzdem muss hier jede Bewegung sitzen. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind bei der Hochkalter-Überschreitung generell absolute Pflicht. Immer wieder gibt es exponierte Stellen.
Etwas unterhalb des Rotpalfens und über den Kleinkalter (2.513 m) nähert man sich schließlich dem Hochkalter. Immer wieder glaubt man, der Gipfel ist gleich erreicht, doch der Grat legt mehrmals ein paar unerwartete Aufschwünge nach. Kurz vor dem höchsten Punkt wartet noch eine letzte kurze Kletterstelle, bevor man am Gipfel des Hochkalters (2.607 m) steht.
Am Gipfel des Hochkalters
Der Gipfelblick ist schlicht großartig. Der Watzmann steht gegenüber, das Blaueis liegt unter einem, und rundherum reihen sich die Berchtesgadener Alpen zu einem Panorama auf, das man so schnell nicht vergisst. Imposant ist auch der Blick zurück auf den Grat .Hier oben habe ich mich in den Hochkalter verliebt. Er hat nicht den Mythos des Watzmanns, nicht dessen Berühmtheit. Dafür schenkt er einem ein ehrliches, wildes Bergsteigererlebnis.
Abstieg durchs Ofental
Nach dem Gipfel ist die Tour noch lange (!) nicht vorbei. Im Gegenteil: Den Abstieg ins Ofental darf man auf keinen Fall unterschätzen. Zunächst geht es über Felsstufen, Bänder und Geröll hinunter. Teilweise muss leicht abgeklettert werden, das Gelände ist steil, lose und verlangt weiterhin volle Konzentration. Ein Ausrutscher im oberen Teil des Abstiegs könnte fatale Folgen haben. Ein Helm ist wegen der Steinschlaggefahr ratsam.
Ist das steilste Gelände überwunden, folgt der lange Weg durch das Ofental hinaus. Landschaftlich ist auch dieser Abschnitt beeindruckend, konditionell zieht er sich aber. Insgesamt ist der Weg zurück zum Hintersee lang und verlangt Durchhaltevermögen. Wer sich am Grat komplett verausgabt hat, wird den über 1.800 Höhenmeter langen Abstieg nicht genießen.
Fazit zur Hochkalter-Überschreitung
Die Hochkalter-Überschreitung ist eine gewaltige Bergtour. Für mich gehört sie zu den schönsten Grattouren in Deutschland. Die Landschaft der Berchtesgadener Alpen ist ein Traum, die Nacht auf der Blaueishütte macht das Erlebnis noch intensiver, und der Grat bietet genau jene Mischung aus Schönheit, Anspruch und alpiner Ernsthaftigkeit, die man als ambitionierter Alpinwanderer sucht.

Unterschätzen darf man den Hochkalter aber auf keinen Fall. Die Tour ist lang, ungesichert, stellenweise ausgesetzt und verlangt Kletterstellen bis UIAA II. Dazu kommt der steile Abstieg ins Ofental, der auch nach dem Gipfel noch einmal volle Konzentration fordert.
Danke auch an Dirk von den Berchtesgadener Bergführern, der mich begleitet hat, sich für die Fotos zur Verfügung gestellt hat und mir am Weg viel spannendes über die Region erzählt hat!
