Der Ankogel kann beides sein: eine vergleichsweise kurze Tagestour ab der Bergstation der Ankogelbahn. Oder eine ausgewachsene Zweitagesunternehmung mit rund 2.500 Höhenmetern inklusive einer Überschreitung des Alpenhauptkamms. Wir haben uns für Variante zwei entschieden und sind von Böckstein im Gasteinertal durch das Anlauftal, über den historischen Korntauern und weiter zum Hannoverhaus aufgestiegen. Erst am nächsten Morgen stand der eigentliche Ankogel auf dem Programm.
Vorab: Wer nur eine Beschreibung des klassischen Anstiegs auf den Ankogel ab der Bergstation der Ankogelbahn sucht, kann direkt zu Tag 2: Vom Hannoverhaus auf den Ankogel springen. Unser zweiter Tag deckte sich mit der klassischen Tagestour.
Toureninfos
- Lage: Österreich / Salzburg / Hohe Tauern
- Ausgangspunkt: Wanderparkplatz Böckstein
- Höhenmeter & Distanz: 2.500 hm Aufstieg | 1.070 hm Abstieg | 19,2 km Distanz
- Höchster Punkt: 3.252 Meter
- Schwierigkeit gemäß SAC-Wanderskala: Bis zum Kleinen Ankogel T3+; weiter auf den Ankogel T4+
- Schlüsselstelle: Die komplette Gipfelflanke des Ankogels
- Gemacht im: August 2026
Tag 1: Von Böckstein über den Korntauern zum Hannoverhaus
Von dem kleinen Wanderparkplatz in Böckstein (1.190 m) führt der Weg hinein ins grüne Anlauftal. Zunächst folgt man dem Talboden Richtung Radeckalm, ehe nach etwas mehr als zwei Kilometern rechts (1.350 m) der markierte Mindener Weg zum Korntauern abzweigt und der eigentliche Aufstieg beginnt.
Der Steig führt steil durch einen Lärchen- und Zirbenwald. Das Anlauftal bleibt schnell zurück und bald taucht man in die Kernzone des Nationalparks Hohe Tauern (ca. 1730 m) ein. Die Vegetation wird zusehends alpiner und die Landschaft mit jedem Höhenmeter felsiger. Spätestens auf der Tauernkaralm (ca. 2.100 m) verschwinden die letzten freistehenden Bäume. Der letzte Abschnitt hoch zum Korntauern schlängelt sich schließlich durch eine riesige Blockhalde.
Dabei bewegt man sich ständig auf geschichtsträchtigem Boden. Der Korntauern ist nicht nur eine Scharte zwischen zwei Tälern, sondern ein historischer Übergang über den Alpenhauptkamm. Schon die Römer haben ihn genutzt. Spuren dieser alten Verbindungen sollen teilweise bis heute im Gelände zu erkennen sein.
Am Korntauern (2.459 m) verändert sich die Perspektive innerhalb weniger Schritte: Hinter einem liegt das lange Anlauftal im Salzburger Land, vor einem öffnet sich Kärnten mit einer völlig neuen Bergkulisse.
Der Weiterweg führt auf der Kärntner Seite zunächst einige Höhenmeter bergab zum Kleinen Tauernsee (2.300 m), was nach dem langen Aufstieg ein wenig an der Motivation kratzt. Irgendwo wartet schließlich das Hannoverhaus – und dafür müssen die negativen Höhenmeter wieder absolviert werden. Landschaftlich sind die nächsten Kilometer dafür umso schöner. Stets steuert man auf die formschöne Hochalmspitze zu.
Hoch zum Luggetörl (2.380 m) wird es dann kurz noch einmal steil. Dafür sieht man von dort bereits zum Hannoverhaus (2.565 m) – aber Achtung, das sieht näher aus, als es ist. Die folgenden rund zwei Kilometer durchs Skigebiet ziehen sich noch einmal ordentlich.
Spätestens beim Sonnenuntergang sind die 1.700 Höhenmeter aber schnell vergessen: Von der Terrasse der Hütte öffnet sich ein gewaltiges Panorama auf die umliegenden Dreitausender, die von der tief stehenden Sonne langsam rot gefärbt werden.
Die Übernachtung am Hannoverhaus bietet aber nicht nur diese herrliche Abendstimmung. Sie ermöglicht auch einen frühen Start am nächsten Morgen – und der ist am Ankogel einiges wert.
Tag 2: Vom Hannoverhaus auf den Ankogel
Der zweite Tag deckt sich im wesentlichen mit der Tagestour auf den Ankogel, die bei der nahegelegenen Bergstation (2.636 m) startet. Zunächst folgt man dem markierten Weg Richtung Ankogel. Anfangs geht es noch vergleichsweise gemütlich dahin, doch der Charakter der Tour verändert sich schnell.

Kurz nach der Abzweigung Richtung Gipfel (ca. 2.590 m) wird es steil, Blockwerk und Geröll übernehmen. Bei trockenen Hochsommerverhältnissen muss man auf dem Normalweg keinen Gletscher bzw. Schneefelder betreten und benötigt auch keine spezielle Ausrüstung. Das macht den Ankogel vergleichsweise zugänglich, bedeutet aber nicht, dass der Gipfelanstieg eine einfache Wanderung ist.
Bis zum Kleinen Ankogel (3.096 m) bleibt die Tour technisch noch einigermaßen überschaubar. Der Weg führt über Geröll und zunehmend grobes Blockwerk nach oben. Immer wieder gilt es, größere Felsblöcke zu übersteigen und eine sinnvolle Linie durch die karge Hochgebirgslandschaft zu finden. Auf der SAC Wanderskala würde ich diesen Abschnitt persönlich ungefähr am oberen Ende von T3 einordnen. Wirklich schwierig ist er nicht, aber bereits deutlich alpiner und stellenweise ausgesetzter, als es die überschaubaren Höhenmeter ab der Bergstation vermuten lassen.
Ab dem Kleinen Ankogel wird der Charakter der Tour noch einmal ernster. Vor einem liegt ein ausgesetzter Übergang zum eigentlichen Ankogel. Technisch ist die Passage nicht sonderlich schwierig, an beiden Seiten fällt das Gelände jedoch steil ab. Wer sich hier oder am Weg hierher bereits unwohl gefühlt hat, sollte nicht weitergehen. Das Schöne: Der Kleine Ankogel ist für sich auch ein lohnendes Ziel.
Die letzten rund 150 Höhenmeter zieht die Route durch die steile Ostflanke hoch zum Gipfel. Immer wieder warten leichte Kletterstellen im oberen I. Schwierigkeitsgrad. Stellenweise fühlt sich das Gelände auch etwas anspruchsvoller an. Der gesamte Abschnitt ist zwar nicht durchgehend extrem ausgesetzt, aber abschüssig genug, dass ein Fehltritt fatale Folgen haben kann. Für mich liegt der obere Teil der Tour deshalb am oberen Ende der T4 Wanderskala. Trittsicherheit und Schwindelfreiheit sind hier keine Standardfloskeln aus der Tourenbeschreibung, sondern echte Grundvoraussetzungen.
Wir sind rund eineinhalb Stunden vor dem ersten größeren Schwung der Bahngäste aufgebrochen und hatten den Ankogel beim Aufstieg deshalb beinahe für uns. Das war landschaftlich und atmosphärisch großartig, machte die Wegfindung in der steilen Gipfelflanke aber nicht unbedingt einfacher.

Die Route ist zwar markiert, doch stellenweise zwischen den Felsen nur schwer zu erkennen. Gleichzeitig ziehen sich zahlreiche Steigspuren und vermeintliche Wege durch die Flanke. Nicht jede davon führt dorthin, wo man eigentlich hinmöchte. Wer hier ohne andere Bergsteiger vor oder hinter sich unterwegs ist, sollte deshalb ein gutes Gespür für alpine Wegfindung mitbringen. Wer einfach einer beliebigen Spur folgt, kann in der steilen und blockigen Flanke schnell in Gelände geraten, das deutlich unangenehmer ist als der eigentliche Normalweg.
Am Gipfel des Ankogels
Am Gipfel des Ankogels (3.252 m) angekommen, wird man von einem umwerfendem Rundumpanorama in Empfang genommen. Der Ankogel steht für einen Dreitausender erstaunlich frei. Nur die benachbarte Hochalmspitze (3.360 m) – die spannenderweise der höchste Gipfel der Ankogelgruppe ist – überragt ihn in unmittelbarer Nähe. So staffeln sich rundherum die Gipfel der Hohen Tauern, in der Ferne reicht der Blick bis zum Großglockner und darüber hinaus.
Nach dem vielen Blockwerk, der konzentrierten Wegsuche und der steilen Gipfelflanke sitzt man auf einem exponierten Aussichtspunkt mitten in den Hohen Tauern. Wenn man früh genug gestartet ist, hat man diesen vielleicht sogar noch für eine Weile beinahe für sich allein. Viel besser geht es nicht.
Abstieg und Rückweg nach Böckstein
Der Abstieg erfolgt dann meist mit deutlich mehr Gegenverkehr von der Bahn kommend über den Aufstiegsweg zurück zur Bergstation. Von dort haben wir die Bahn ins Tal genommen. Weiter geht’s mit dem Bus nach Mallnitz und von dort mit dem Zug durch die Tauernschleuse zurück nach Böckstein. Man kann natürlich auch wieder zu Fuß absteigen, aber uns hat der lange Hüttenzustieg ehrlicherweise einmal gereicht 😉
Fazit
Der Ankogel ist ein großartiger Aussichtsberg, dessen gute Erreichbarkeit nicht über die tatsächlichen Anforderungen hinwegtäuschen sollte. Bei trockenen und Hochsommerverhältnissen benötigt man auf dem Normalweg zwar weder Gletscher- noch klassische Hochtourenausrüstung. Spätestens ab dem Kleinen Ankogel wird das Gelände jedoch schmal, steil und ausgesetzt. Leichte Kletterstellen, grobes Blockwerk und die nicht immer eindeutige Wegfindung in der Gipfelflanke verlangen alpine Erfahrung, absolute Trittsicherheit und Schwindelfreiheit.
Wer diese Voraussetzungen mitbringt, kann den Ankogel als vergleichsweise kompakte Tagestour ab der Bergstation besteigen. Noch besser hat mir persönlich allerdings die lange Variante von Böckstein gefallen. Der Zustieg durch das Anlauftal, die Überschreitung des Korntauerns, die Nacht am Hannoverhaus und der frühe Aufbruch am nächsten Morgen machen aus dem schnell erreichbaren Dreitausender eine abwechslungsreiche und ausgewachsen alpine Zweitagestour durch die Hohen Tauern.
